Auf der Suche einer reflexiven Dramaturgie: Wenn die Struktur nicht kann, was die Akteure wollen

img_6571img_6570 3. til 6. november 2016 vil Tore Vagn Lid holde innlegg under Kongress der Gesellschaft für Theaterwissenschaft i Frankfurt og Gießen. Temaet for kongressen er teater som kritikk (Theater als Kritik).

fra nettsidene til Gtw. om kongressen:

«Under the heading “Theatre as Critique”, the organisers of the 13th Congress of the Society for Theatre Studies invite researchers to examine theatre as a critical practice. With the crisis of the classical groundings of both theatre and critique in mind, the congress aims at a reconsideration of, on the one hand, the history, theory and issues of theatre and, on the other, the concept of critique. At the heart of the debate, therefore, is not just the subject matter of theatre critique but rather critique itself. Plenary speeches and shorter contributions on 8 different subject areas will be complemented by performative formats, visits to the theatre, talks and scenic contributions from students of the Hessian Theatre Academy (HTA).»

 

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ABSTRACT:

Auf der Suche einer reflexiven Dramaturgie:  Wenn die Struktur nicht kann, was die Akteure wollen

Beziehung zwischen der Kunst-Form und ihrer Form der Organisation

von Tore Vagn Lid

In meinem Buch «Gegenseitige Verfremdungen» (Peter Lang 2011) hinterfrage ich die Beziehung des zeitgenössischen Theaters in Bezug auf eine institutionskritische Reflexivität der Kunst.  Durch diesen Versuch einer «institutionellen Psychoanalyse» des Theaters und in enger Beziehung zur eigenen künstlerischen Praxis als Regisseur/Autor soll mein Beitrag ein Versuch darstellen, konkrete reflexive Strategien zu erläutern, um die institutionellen Schwerkräfte der Theater-Institution kritisch in Bewegung zu bringen. Durch Bertolt Brecht und Hanns Eislers Lehrstück «Die Massnahme» (1930) öffnet sich ein historisches Fenster für ein neues Denken der Beziehung zwischen Bühne und Musik. Es handelt sich dabei um eine Denk- und Verfahrungsweise, wo eine radikale musikdramaturgische Arbeitsteilung, sowohl romantischer als auch modernistischer Vorstellungen eines «Absoluten» oder «durchkomponierten Werkes» produktiv herausfordert.  Was hier sowohl theoretisch als auch kunstpraktisch zu Tage gefördert wird, ist die feine Beziehung zwischen der Kunst-Form und ihrer Form der Organisation.  Mit der «Massname» als konkreten «point of departure» wird also nach der organisatorischen Voraussetzung für die produktive ästhetische Grenzüberschreitung des musikalischen Lehrstückes gefragt.

Als theoretischer Schwerpunkt rückt hier die Brechtsche Konzeption von «Gegenseitigen Verfremdungen» ins Zentrum, und zwar nicht nur als Prinzip eines Neudenkens der Beziehung zwischen Bühne und Musik, sondern auch als ein besonderer institutionskritischer Impuls, oder eine produktive Denkfigur, mit dem Potential, unbewusste Kraftfelder der Kunstproduktion zu artikulierten und kritisch ins Spiel zu bringen. Eine entscheidende Aufgabe ist dabei herauszufinden, wo die reflexive- oder institutionskritische Kraft des Breschtschen Prinzipes der „Gegenseitigen Verfremdungen“ zu finden ist. Wie kann man dabei Brechts Begriff vom (Kunst»Apparat» in produktiver Beziehung zu den analytischen Begriffen «Institution» (Weber/Bourdieu) oder «Apparatus» (Althusser/Agamben) verstehen?  Vor diesem Hintergrund wird für die Möglichkeit einer Art reflexiven Dramaturgie argumentiert. Das heißt, eine, die sich nicht nur auf die dramaturgische Aufbauweise der Theatervorstellung begrenzt, sondern die auch nach den Wirkungskräften fragt, welche diese Dramaturgie von außen beeinflusst.